Alte Handwerkskunst in Basel

VON GABRIELA RÖTHLISBERGER

Sie sind rare Angelegenheiten in der Schweiz geworden: Messerschmieden, in denen nach traditioneller Manier noch der Umgang mit glühendem Stahl, Hammer, Amboss sowie dem Lufthammer gepflegt und an Lernende weitergegeben wird. Doch mitten im trendigen Kulturzentrum Gundeldinger Feld in Basel befindet sich ein solcher Ort, an dem sich hohe Qualität und Präzision die Hand reichen: die Messerschmiede von Hansjörg Kilchenmann.

Um das Messerhandwerk, den Dreh- und Angelpunkt der Schmiede, weiter auszubauen, wechselte die Werkstatt mitsamt dem Shop vor sieben Jahren in die unter Denkmalschutz stehenden ehemaligen Räumlichkeiten der Maschinenfabrik Burckhardt. Hier wird in den grossflächigen Werkräumen das älteste Werkzeug des Menschen nach individuellen Ansprüchen der Kundschaft hergestellt, geschliffen, repariert oder restauriert. Der Gebrauch eines Messers geht weit über den als Arbeitsgerät hinaus und findet seinen Verwendungszweck ebenso als Waffe, Kunst-, Ritual- und Schmuckgegenstand.

Seit 2003 ist Hansjörg Kilchenmann Mitglied des Verbands Schweizerischer Messerschmied-Meister und feierte diesen Frühling mit einem «Tag der offenen Tür» das 20-jährige Jubiläum.

Dem Nachhaltigkeitsgedanken verpflichtet
Qualitativ hochwertige Schneidewerkzeuge haben bei fachgerechter Behandlung eine lange Lebensdauer, können bei Bedarf jederzeit wieder geschärft werden und sind deshalb sehr nachhaltig. Ob Küchenmesser, Skalpell, Schere oder Axt – kompetente Messerschmiede können den Klingen von nahezu jedem Schneidewerkzeug wieder eine ausgezeichnete Schärfe verleihen, meist sogar eine präzisere als die, welche der Artikel direkt nach dem Neukauf hatte.

Das Schleifen von Klingen hört sich im ersten Moment nicht besonders kompliziert an, doch jede Klingenform muss anders gehandhabt werden, wobei verschiedene Schleifmaschinen zum Einsatz kommen. Durch fachmännische Wertarbeit mit zahlreichen einzelnen Arbeitsprozessen entsteht eine feine, dauerhaft scharfe Klinge, die zum krönenden Abschluss von Hand und mit viel Können auf einem passenden Stein abgezogen wird.

Eine äusserst komplexe Sache und grosse Herausforderung für jeden Messerschmied ist das Schleifen von Scheren, weshalb das Theater Basel seine Scheren vertrauensvoll in die Hände des Kilchenmann-Teams legt. Ein Messerschmied absolviert eine vierjährige Lehrzeit bei einem kompetenten Meister und hat eine gut ausgestattete Werkstatt mit zweckmässigen Maschinen zur Verfügung. Wer seinen gesunden Menschenverstand bemüht, erkennt leicht, dass eine solche Werkstatt nicht in den Kofferraum des PWs eines Feld-Wald-Wiesen-Schleifers passt. Auch lässt sich das nötige Fachwissen nicht in fünf Minuten durch ein Youtube-Tutorial aneignen.

Kunstfertigkeit in Reinform
Auf die meisten Menschen üben Messer aus Damaszener Stahl, welcher aus 240 Lagen bestem Kohlenstoffstahl besteht, eine fast schon magnetische Anziehungskraft aus. Unter Berücksichtigung einer 2000 Jahre alten Schmiedekunst werden sie kunstfertig von Hand geschmiedet, womit jedes Exemplar ein Unikat darstellt.

Die wunderschönen Damastklingen weisen ein ureigenes Muster im Einklang mit der Natur auf – eine perfekte Symbiose aus Material und Ästhetik. In Kombination mit einem Griff aus uralter Mooreiche oder den von Hansjörg Kilchenmann bevorzugt verwendeten Hölzern wie Buchsbaum, Kornelkirsche und Birnbaum entsteht ein beeindruckend scharfes Messer zum professionellen Gebrauch in der Küche, bei der Jagd, als Sammlerstück oder Klappmesser sowie zur zigfachen Verwendung von Outdoor- und Survivalprofis in der Freizeit. Jahrtausendealte handwerkliche Sorgfalt, das Schmieden von Hand und der intensive Arbeitsaufwand hauchen dem vollendeten Damastmesser fast so etwas wie eine Seele ein und üben Faszination auf die Betrachtenden aus.

Ein Werkstoff wird zur Legende
Damaskus, die Hauptstadt Syriens, bescherte dem begehrten Stahl den Namen, allerdings liegt die Vermutung nahe, dass er gar nicht von dort stammt, sondern in der syrischen Handelsmetropole lediglich vertrieben wurde. Ursprünglich wurde der Damaszener Stahl aus Wootzbarren hergestellt, der oftmals aus Indien oder Sri Lanka stammte. Sogenannter «Wootz», eine spezielle Art des Tiegelschmelzstahls, besteht aus legiertem Stahl mit einem geringen Anteil, etwa 1.5 Prozent, an Kohlenstoff und anderen Zusatzstoffen. Das Eisenerz für «Wootz» stammt aus dem orientalisch-arabischen Raum.

Damaststahl entsteht durch das Verschweissen von mehreren Schichten aus weichem und hartem Eisen, wodurch ein sehr hoher Härtegrad gebildet wird, um einen idealen Werkstoff für Waffen und Werkzeuge herzustellen. Mittels einer entsprechenden Bearbeitung der entstandenen Klinge zeichnet sich ein aus Damaststahl gefertigtes Messer durch seine unvergleichliche Schärfe, Langlebigkeit, exzellente Schneidergebnisse und eine harte, aber flexible Messerklinge aus.

Sowohl flexibel als auch widerstandsfähig und hart zu sein, ist die herausragendste Eigenschaft des Damaszener Stahls. Dies erreichte man früher mit einer speziellen Stahllegierung und nicht wie heute mit geschweissten Stahlschichten. Damaststahl aus dem Orient erreichte im Laufe der Zeit einen Legendenstatus und hält seit jeher sein hohes Qualitätsniveau.

Europäischer Damaststahl
Kelten, Römer und Germanen fanden zur Herstellung von Waffen, insbesondere von Schwertern, ebenfalls Verwendung für den einzigartigen Stahl. Bei den Germanen stand nicht nur die Verwendung für Blankwaffen im Vordergrund, sondern auch für dekorative Kunst aus Damaszener Stahl. Um das Damastmuster zum Vorschein zu bringen, bearbeitete man schon damals die Klingen mit Poliersteinen oder Säuren.

Der historische Werdegang des europäischen Damaststahls ist nicht ganz unumstritten. Es wird angenommen, dass der Stahl an mehreren Orten unabhängig voneinander entwickelt wurde. Die Theorie, dass er nur eine Kopie des orientalischen Damaststahl sei, ist hochgradig unwahrscheinlich, da sich die Herstellungsverfahren grundlegend unterscheiden. Es ist eher anzunehmen, dass Schmiede in ganz Europa nach und nach die Eigenschaften der produzierten Waffen und Werkzeuge verbessern wollten und mit unterschiedlichen Herstellungsverfahren und Bearbeitungsmethoden experimentierten. Auch das Recyceln von Altmetall war zur damaligen Zeit eine gängige Methode, den teuren Rohstoff zu verarbeiten – vielleicht ist so sogar der erste Verbundstahl nach Damaszener Art entstanden.

Wo Erzvorkommen mit nutzbarer Wasserkraft, Holzbeständen und dem notwendigen Fachwissen zusammenkamen, entwickelten sich ab dem 13. Jahrhundert die grossen Zentren der Messerherstellung, die zum Teil noch bis heute bestehen: Solingen (Deutschland), Chatellerault, Nogent, Nontron, Paris und Thiers (Frankreich), Sheffield und London (England), Scarperia und Maniago (Italien), Toledo (Spanien) sowie Eskilstuna und Mora (Schweden).

Lust auf Feuer und Stahl?
Sehr gefragt sind die von Hansjörg Kilchenmann angebotenen Messerkurse, die zweifelsohne in unserer schnelllebigen Zeit einen kontrastreichen Ausgleich zu einem Bürojob bieten. Unter gewissenhafter Anleitung erlebt man den Herstellungsprozess von Damaststahl, um damit während ein paar schweisstreibenden Tagen selbst ein Messer zu schmieden. Mit einem Holz- oder Horngriff wird schlussendlich das individuelle Stück vollendet.

Ein kleines Küchenmesser kann auch an einem Samstagskurs gefertigt werden – detailierte Angaben zu den diversen Kursangeboten sind auf der Homepage ersichtlich.

Verband Schweizerischer Messerschmied-Meister und verwandter Berufe
Gegründet wurde der Verband bereits 1891 mit dem zukunftsorientierten Ziel, die Produktion des Schweizer Armee-Messers aus dem deutschen Solingen in die Schweiz zu verlagern, heute spielt er eine bedeutende Rolle in der Schweizer Messerwelt. Die angeschlossenen Mitglieder des Verbandes garantieren eine nachhaltige Qualität von Messern, Scheren und einer Vielzahl von anderen Schneidwerkzeugen. Der Fokus wird darauf gelegt, dass dieses anspruchsvolle alte Handwerk auch in Zukunft eine Überlebenschance hat. Dementsprechend gewichtig wird das Thema Berufsausbildung gehandhabt.

Dem Messerschmied-Lernenden kommt in einer anspruchsvollen vierjährigen Lehrzeit eine umfassende Ausbildung in allen relevanten, in der Berufspraxis vorkommenden handwerklichen Arbeiten zuteil. Für das Schleifen, Reparieren und die Herstellung von Neuanfertigungen muss die Bedienung einer stattlichen Anzahl von Spezialmaschinen und Vorrichtungen erlernt werden. Dies erfordert geschickte Hände, handwerkliches Feingefühl und ein gutes Auge fürs Detail.

Die stete Entwicklung und viele Innovationen der für Industrie, Handwerk, Haushalt und Hobby hergestellten Messer und Schneidgeräte stellen hohe Ansprüche an die Fertigkeiten eines ausgebildeten Messerschmieds.

Schmiede, Korbmacher und Steinmetze gehören zu den ältesten Handwerksberufen. Altes Wissen liefert ein unbezahlbares Potenzial für unsere Zukunft, denn schliesslich bilden traditionelle Techniken die Basis für die Entstehung und Entwicklung neuer Produkte – oder lassen alltägliche Gegenstände in neuem Glanz erstrahlen.

www.messer-hjk.ch