«Der Weg geht in Richtung personalisierte Ausbildung»

Interview mit Matthias Nettekoven und Serge Corpataux, von Denise Muchenberger

Wer eine Lehre bei Roche absolviert, kann innerhalb des Pharmaunternehmens auf Förderung zählen, sagen Matthias Nettekoven, Leiter Berufsbildung, und Serge Corpataux, Leiter Nachwuchsförderung. Mit uns sprechen sie über Chancen und Perspektiven für den regionalen Nachwuchs.

GESCHÄFTSFÜHRER*IN BASEL: Roche beschäftigt als globales Pharmaunternehmen Forscher*innen und Spezialist* innen aus aller Welt. Welche Rolle nimmt die Berufslehre ein?
Matthias Nettekoven: Die Berufslehre ist seit jeher in die Roche-Gene eingeschrieben und wird auf allen Führungsebenen gefördert. Allerdings erhält sie heute eine grössere Wertschätzung als noch vor einigen Jahren und wird komplementär zur universitären Ausbildung betrachtet. Wille, Motivationsbereitschaft und Engagement sind zentrale Elemente, um voranzukommen – Noten und Abschlüsse sind wichtig, aber nicht mehr ausschlaggebend. Wir sind uns bewusst, dass wir einen Anker für Jugendliche sein können, die im Alter von 15 oder 16 Jahren auf der Suche nach ihrer Berufung sind. Ihnen einen Startplatz für individuelle Entfaltung, für individuelle Karrieren zu bieten und sie auf diesem Weg zu begleiten, bereitet mir persönlich viel Freude. Im Gegenzug erwarten wir von den Jugendlichen, dass sie sich vor der Ausbildung mit wichtigen Fragen zum Leben und Lernen auseinandersetzen, damit wir dort anknüpfen und sie begleiten können.

Serge Corpataux: Mir kommt da auch die Aussage von unserem Vizepräsidenten des Verwaltungsrats und Vertreter der Besitzerfamilie André Hoffmann in den Sinn, der sagte, dass die Berufslehre für die Firma strategisch wichtig sei, um einen Zugang zum lokalen Talentpool zu erhalten. Tatsächlich beschäftigt die Roche immer mehr Spezialist*innen und Führungspersonen, die aus der Berufsbildung kommen und sich entsprechend weiterentwickeln. Diese Tendenz ist innerhalb des Unternehmens sichtbar und für uns sehr erfreulich.

Welche Lehrstellen in welchen Berufen bieten Sie dem regionalen Nachwuchs konkret an?
Matthias Nettekoven: Wir bieten etwa 100 neue Lehrstellen pro Jahr in der Region an – also an den Standorten Basel und Kaiseraugst –, und dies in 15 unterschiedlichen Berufen entlang der Roche-Wertschöpfungskette: Produktion, KV, IT, Labor und Technik. Auch in der Berufsbildung sind wir dynamisch unterwegs und passen uns den veränderten Marktbedingungen an. So haben wir vor zwei Jahren mit dem*der Mediamatiker*in einen neuen Beruf in die Ausbildung aufgenommen, um den Veränderungen und Trends hin zur
Digitalisierung Beachtung zu schenken. Die Analyse, Aufbereitung und Visualisierung von Daten sind auch für Roche ein zentrales und zukunftsweisendes Thema, und es gilt, eigene Talente für diesen Zweig auszubilden.

Welche Anforderungen stellen Sie an Ihre Auszubildenen, wie läuft die Rekrutierung ab und bieten Sie auch Quereinsteiger*innen eine Chance?
Serge Corpataux: Wir bieten Schüler*innen in einer ersten Phase niederschwellige Angebote an, um uns und unsere Berufe kennenzulernen. Sie sind für alle zugänglich und an keine Notenschnitte oder Erwartungen gebunden. Da ist zum einen unser Schullabor EXPERIO am Standort in Kaiseraugst, in welchem Klassen erste Experimente durchführen können. Ebenso bieten wir einen Talent-Parcours, um herauszufinden, welche Tätigkeitsfelder einem liegen und welche eher nicht. Erst wenn sich eine Schülerin oder ein Schüler effektiv auf eine Lehrstelle bewirbt, <fängt der Rekrutierungsprozess an. Wir setzen einen digitalen Test voraus, der online zu Hause absolviert werden kann, um mehr über die kognitiven Fähigkeiten, Potenziale und die Persönlichkeit zu erfahren. Anschliessend folgen ein persönliches Interview und ein Arbeitseinsatz. Am Ende des Prozederes können beide Seiten entscheiden, ob es für sie passt und wir den weiteren Weg gemeinsam gehen wollen.

Matthias Nettekoven: Wir stellen unsere Ausbildungsplätze in erster Linie Schulabgänger*innen zur Verfügung, um jungen Menschen eine Chance für eine Erstausbildung bei Roche zu geben. Bewerbungen von Quereinsteiger*innen werden aber ebenfalls berücksichtigt und in den Rekrutierungsprozess eingegliedert. Am Ende geht es in erster Linie um die Frage: Passt jemand zu Roche oder nicht? Notenschnitt, Alter und berufliche Vorbildung bilden also keine Ausschlusskriterien.

Welche Benefits können Sie Jugendlichen bieten, die eine Lehre bei Ihnen anstatt in einem KMU absolvieren?
Serge Corpataux: Die KMU in der Region Basel leisten eine tolle Ausbildungsarbeit. Es geht um die Frage, was sich ein*e Schulabgänger*in wünscht. Bei Roche treffen die Lernenden auf ein dynamisches, internationales Umfeld, die Konzernsprache ist Englisch. Die Roche-Kultur ist einmalig und setzt durchgängig auf Diversität, sie bietet jungen Menschen die Chance, sich über Landes- und Berufsgrenzen hinaus mit tollen Menschen zu vernetzen und auch von anderen Kulturen zu profitieren.

Matthias Nettekoven: Du sprichst da einen wichtigen Punkt an. Roche ist ein international vernetztes, forschendes Pharmaunternehmen, und so geht es für die Schüler*innen um die bewusste Entscheidung für einen solchen Ausbildungsbetrieb. Wir fordern die Bewerber*innen immer dazu auf, sich diese Frage im Vorfeld zu stellen.

Welche Perspektiven bieten Sie den Lernenden nach dem Lehrabschluss?
Serge Corpataux: Nach Lehrabschluss übernehmen wir alle, die mit uns arbeiten wollen, im Rahmen eines Qualifizierungsjahres, denn nicht immer ist die gewünschte Stelle nach Abschluss der Lehre frei. Mit dieser Anschlusslösung geben wir den jungen Talenten Zeit, herauszufinden, wo ihr Weg hingehen soll. Wir stellen ihnen Mentor*innen zur Seite, die sie beraten und Roche eine Einschätzung geben, wenn es um eine Festanstellung geht. Zudem qualifizieren sich etwa zehn bis 15 Prozent der Lehrabgänger*innen für das Programm «Studieren mit Roche». Da kommt ein Voll- oder Teilzeitstudium infrage, das wir mit Stipendien unterstützen. Für beide Seiten ist dies eine Win-win-Situation, denn wir können in Zukunft vom Know-how aus dem Studium profitieren und die Talente zumindest für eine gewisse Zeit an uns binden. Und natürlich bieten wir auch Auslandspraktika an attraktiven
Standorten wie den USA, England oder Dänemark an.

Matthias Nettekoven: Diese Auslandseinsätze intensivieren wir zurzeit wieder und bauen sie beständig aus. Wichtig dabei ist es wahrzunehmen, dass wir keine Automatismen für die weitere Karriereplanung bei Roche anbieten. Die Lehrabgänger*innen müssen sich beweisen, denn das wird auch später im Leben immer wieder auf sie zukommen. Neue Erfahrungen sammeln zu wollen, ist ebenso wichtig wie Leistungsbereitschaft. Dafür begleiten wir die jungen Talente auch auf persönlicher Ebene und bieten Weiterbildungen für die persönlichen Skills. Dabei wenden wir das Modell der 4K an.

Erzählen Sie uns mehr dazu …
Matthias Nettekoven: Studien haben gezeigt, dass junge Lehrabgänger* innen in ihrer Zukunft etwa neun verschiedene Jobs haben werden. Um sich immer wieder neu anpassen und integrieren zu können, geht es doch auch um die Fragen: Wer bin ich, wo liegen meine Stärken, wo will ich hin? Mit den 4K wollen wir ihnen wichtige Fragen in diesem Kontext stellen: Wie kreativ bin ich, kann ich kollaborieren, kritisch denken und gut kommunizieren? Das sind alles wesentliche Eigenschaften für die weitere berufliche Laufbahn.

Wie sieht es mit der Diversität aus? Bewerben sich auch genügend weibliche Jugendliche bei Roche?
Serge Corpataux: Es sind aktuell rund 40 Prozent weibliche und 60 Prozent männliche Lernende. Mit diesen Zahlen sind wir auf dem richtigen Weg. Woran wir allerdings noch arbeiten wollen, ist die Verteilung auf die Berufsbilder. Mechanische und technische Berufe sowie die IT sind nach wie vor männerlastig, während KV und Biologie vor allem Frauen anziehen. Gemeinsam mit der Uni Zürich arbeiten wir an einer Genderstudie, um das Berufsschnupperangebot zu erweitern. Biologie-Laborant* in und IT ist beispielsweise eine gute Kombination. Wer sich also für eine IT-Schnupperlehre bei uns bewirbt, der Person bieten wir die Möglichkeit, auch noch im Biologielabor reinzuschauen – und umgekehrt. So entstehen womöglich neue Impulse für die Jugendlichen und sie selbst entdecken neue Potenziale und Interessen bei sich.

Matthias Nettekoven: Was wir aus Befragungen wissen: Frauen wollen im Berufsleben gerne helfen, etwas Sinnvolles tun – und entscheiden sich beispielsweise für einen Pflegeberuf. Hier können wir bezüglich unserer Berufe in Schulen noch mehr Aufklärungsarbeit leisten. Wenn ein junger Mensch dabei hilft, Medikamente zu entwickeln und zu produzieren, ist das ebenfalls eine sinnstiftende Arbeit – dies gilt es aufzuzeigen.

Wie und wo ist Roche präsent, um über die Berufslehre aufzuklären?
Serge Corpataux: Überall dort, wo Jugendliche heutzutage anzutreffen sind. Wir gehen auf Berufsmessen und suchen den Austausch mit den Schüler*innen direkt vor Ort. Natürlich sind auch Social-Media-Plattformen wichtige Kanäle, um die Jugend anzusprechen. Wir haben im letzten Jahr ein eigenes Redaktionsteam mit Lernenden gegründet, die Content für Plattformen wie Instagram oder Tiktok erstellen. Und dann
gehen wir auch aktiv auf die Gaming-Community zu, denn in Bereichen wie E-Sport treffen wir nicht nur auf viele IT- und Technologietalente.

Worauf möchten Sie in den nächsten zwei bis drei Jahren einen Fokus in der Nachwuchsförderung setzen?
Matthias Nettekoven: Unser Weg geht ganz deutlich in Richtung «personalisierte Ausbildung». Wir müssen uns verstärkt damit auseinandersetzen, wie wir den jungen Leuten mit unseren Angeboten gerecht werden. Dafür brauchen wir ein aufmerksames Auge, um Potenziale zu fördern, Stärken zu erkennen, aber auch Schwächen anzusprechen und sie in diesem Bereich zu unterstützen. Wir schauen immer gut hin und beziehen die Umstände der Jugendlichen mit ein. Die sich technologisch und demografisch rasant verändernde Gesellschaft und die damit verbundenen Ängste und Sorgen der Generation Alpha nehmen wir deutlich wahr. Dafür Verständnis zu haben und die Hand zu reichen, ist mir als Leiter der Berufsbildung wirklich wichtig. Aber den Lernenden auch zu vermitteln, dass sie den Wandel mitgestalten können und auch sollen. Dazu sage ich immer: Sei mutig! Sei mutig in den kleinen Dingen! Dann wirst du deinen Weg erfolgreich gehen.

www.berufslehre.roche.com
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